Ich bin es leid. Ständig zu hören, dass man sich orientieren müsse. Dass man überlegen müsse, wie alles so weitergehen soll. Wegen der Zukunft, vor allem der eigenen. Man müsse das richtige studieren, zur rechten Zeit, um später einen Beruf zu ergattern. Man müsse planen. Man könne nicht einfach nicht planen. Ich müsse vernünftig sein. Ein Pamphlet.

Zurück in den Frühling 2008. Nach mehr als einer Dekade in der Schulzeit war ich endlich dort angekommen, wo ich ankommen sollte: beim Abitur. Mittendrin. Die Zeit, in der man all die schulische Bildungsarbeit (ja, lassen wir es uns einfach mal Arbeit nennen) seines Lebens veredeln, ja quasi mit Gold überziehen sollte. Zuvor, vor allem in den letzten beiden Jahren wurde monatlich, wenn nicht sogar wöchentlich ein Schauerbild in unsere Köpfe gemeißelt: “Rechnet euch doch mal aus, wie viele alte Rentner ihr später mit eurem Job mitfinanzieren müsst. Und dann auch noch eure Familie. Mindesten 2,7 Kinder müsst ihr auch kriegen und versorgen, damit die Zukunft besser wird.” Da ist ja was dran. Vielmehr: Es stimmt. ABER: Ich will das nicht mehr hören! Es mag ja sein, dass meine Generation all das retten muss, sich diese Last auf die Schultern legen lassen muss. Doch gerade weil ich es schaffen soll, kann ich dieses Gerede nicht mehr hören ohne dadurch an Zuversicht zu verlieren. Ich habe selber nicht viele Schülergenerationen miterlebt. Genau genommen nur eine, meine. Doch glaube ich nicht, dass es vor einigen Jahren üblich war mit 16 Jahren sich unsicher und voller Zweifel den Kopf über die eigene Zukunft zu zerbrechen. Das sollte nicht sein. Und das ist auch völliger Mist.

Ich habe dann nicht sofort mit dem Studieren begonnen. Ja, tragisch – ich weiß. Aber ich hatte eine Begründung Ausrede: Der Staat verpflichtete mich. In Wirklichkeit freute ich mich natürlich Zivi zu werden, hatte ich ja eh vor ein Jahr mich etwas anderem zu widmen. Nicht, weil ich raus aus der Bildungswelt wollte, sondern weil ich daran glaubte, dass so etwas die eigene Persönlichkeit prägt. Das hat es, das weiß ich.

Mein Zivildienst war im Frühling 2009 zu Ende. Mit dem Plan im Oktober mit dem Studium anzufangen zog ich noch einmal raus in die weite Welt: Ich durchquerte Südafrika und die Vereinigten Staaten. Nicht weil sich solch Auslandsaufenthalte im Lebenslauf gut machen könnten, sondern weil ich für mich diese Erfahrungen erleben wollte. Dann ergab sich die Zusage der Zeppelin Universität aus Friedrichshafen. Und damit die Frage, ob ich bereit bin mich für meine eigene Bildung hoch zu verschulden. Für einen Abschluss, zu dem mir auch hier in Berlin, Mannheim oder Hannover der Weg offen stand, und dies sicher nicht schlechter. Bachelor of Arts.
Und trotzdem habe ich mich entschieden ab Januar (ja, erst ab Januar – eine weitere lustige Wendung in der Geschichte, die mir dann allerdings ein wunderbares Praktikum am Theater ermöglichte, was ich weiterhin nicht bereue – wegen Persönlichkeit, ihr wisst schon)… ab Januar also den Schuldenberg entstehen zu lassen. Nicht des Studieren wegens. Nicht für einen Abschluss. Allein wegen der Art und Weise, der Atmosphäre und des Umfelds – all das genauer zu vermitteln, das geht hier gar nicht – kurzum, ihr ahnt es schon: Für mich und meine persönliche Entwicklung und Entfaltung. Und das ist es mir wert. Immer wieder.

Auf rund 530 Wörter zusammengestaucht habe ich euch einen kleinen Abriss meiner Entscheidungen zwischen Abitur und jetzt und einen noch kleineren Schatten meiner Beweggründe präsentiert. Der mündige Leser fragt sich: Nur warum?

Zuallererst natürlich ganz egozentrisch um meinen ganzen Gram und Unmut loszuwerden. Mit dem Wissen, dass dies hier eh nahezu niemand lesen wird, und trotzdem auch in der Hoffnung – sonst hätt ich’s ja doch gelassen. Aber vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass einiges schief läuft mit dem Lebensbild meiner Generation.
Es kann nicht das Ziel der Bildung und des Studiums sein, als konturlose Arbeitskräfte hervorzugehen. Es kann nicht der Sinn sein, eine Schablone zu bedienen. Es darf nicht eine Lebensplanung geben, die sich statt an den Interessen, dem eigentlichen Willen der Person an vermeintlichen Anforderungen anderer orientiert. Mir wird gesagt, meine Entscheidung sei “ja schon ein ganz schönes Risiko”. Für ein Leben ohne Risiko, also in Sicherheit; für ein Leben nach Plan braucht es sowas wie Persönlichkeit sicher nicht. Doch was sonst unterscheidet uns denn von all den anderen? Sind es nicht unsere Ecken und Kanten, unsere Macken, unsere Ideale und verschrobenen Eigenschaften. Sind sie es nicht, die eigentlich auch die Wirtschaft sucht – ganz klar natürlich auf Grundlage eines erfolgreichen Studiums. Aber das alleine reicht doch auch den Personalern nicht aus. Wir sollten die Zukunftsängste in Ruhe betrachten und dann einfach mal erkennen, dass wir, die nach dem Abitur über das weitere Leben nachdenken, nun wirklich nicht die sind, die verzweifeln müssen.

Es geht mir auch nicht darum zu urteilen, zu bewerten. Was richtig und was falsch ist. Das kann ich gar nicht. Das könnt auch ihr nicht. Denn um richtig – sollte es das überhaupt geben – geht es ja im Leben auch gar nicht oder sollte es meiner Meinung nach nicht gehen. Wirklich nicht. Es geht darum, dass ihr tun solltet, wovon ihr glaubt, dass es euch gut tut. Dass es euch selber hilft. Nicht bei zukünftigen Bewerbungen. Euch persönlich. Eurem Wesen. Euch selber. Danach solltet ihr entscheiden – wider all den Zweiflern, aber auch nicht ohne Kopf. Natürlich kann der weitere Lebensweg nicht ohne Verstand entschieden werden. Träumerisch die Zeit verziehen lassen bringt ja auch nichts. Vielmehr wäre es schön, auf sich selber zu achten und zu fragen:

Will ich so leben oder denk ich nur, dass es richtig wäre?

Kommentare:

  1. Julian sagt:

    “Aber vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass einiges schief läuft mit dem Lebensbild meiner Generation.”

    Oder genauer: Den Erwartungen unserer Eltern an unsere Generation, an unserem Lebensbild. Wir kämen ja von alleine nicht auf die Gedanken, sondern werden vielmehr in die Richtung gelenkt oder direkt getrieben.

  2. schöner text, ich seh das in vielem genauso. wobei ich nicht nach friedrichshafen gehen möchte – obwohl es so einiges einfacher machen würde, allein schon um den verpflichtungen hier in berlin aus dem weg zu gehen.
    aber das muss jedeR selbst wissen.

    dennoch die frage an dich: tust du was dagegen? wie es mir scheint, ist deine einzige reaktion auf verantwortung/planung/auferlegte last – verweigerung. das ist ja erst mal ganz vernünftig, du tust eher was für deine persönlichkeit, für dich selbst und gehst ein gewisses risiko ein. aber das ist doch nur der erste schritt.
    wie siehts aus? willst du das system grundlegend verändern? oder reicht es dir für dich selbst einen kleinen ausweg zu finden?

    und dann sollte man ja bei der analyse noch einen schritt weitergehen und fragen warum das alles so passiert. warum uns dauernd von altersvorsorge und verantwortung erzählt wird. warum wir stärker belastet werden als frühere generationen. warum wir überhaupt son merkwürdiges lebensbild (arbeit, zukunft, leben) haben.

    so ich fahr jetzt zu MEINER ehemaligen zivi-stelle. hat sich auch gelohnt, hat auch meine persönlichkeit geprägt =)

  3. Nico sagt:

    @Julian: Doch darum geht’s mir hierbei gar nicht. Da wäre die Kritik vernichtender. Mich stört vielmehr eine quasi verselbstständigte Einstellung in unserer Generation selber.

    @Max: Du musst ja auch nicht nach Friedrichshafen ;) Finde deine Anmerkungen überaus interessant. Zu letzterem Punkt zuerst: Sicher müsste man bei einer richtigen Analyse weitergehen und hinterfragen. Hab ich allerdings in diesem Fall nicht vor, weil das für mein Anliegen egal erscheint: Es ist so, wie es ist – und all das hier dient nur dazu anderen Mut zu machen und als Abreaktion meinerseits. Und dafür ist vorerst egal, wieso…
    Und ja, was mach ich dagegen? Ich hab dies hier geschrieben. Ich ermuntere jeden, auch so für sich selbst zu entscheiden – wie, nicht was. Grundlegend das System zu verändern wäre sicherlich eine weiterfolgende Idee, aber erstmal eine andere Baustelle. Denn im Moment sehe ich das schlimmere Problem nicht in den systemischen Ursachen, sondern darin, wie wir als Generation damit umgehen und darauf reagieren. Un solange ich da nicht selber bei mir anfange, hilft es auch niemand anderem. Wie gesagt, ein erster Schritt.
    PS: Verweigerung find ich übrigens doof. Weil das wär ja nur Ablehnung. Dabei geht’s doch eher um alternative Entscheidungen, also mehr als nur Ablehnung.
    PPS: Du hier!?

  4. Sara sagt:

    hey! thats my picture on ur article! :) now ill try to read the text… zu laaaaaaaaaaange! :P hab dich lieb!

  5. nette sagt:

    “Es geht darum, dass ihr tun solltet, wovon ihr glaubt, dass es euch gut tut.”

    danke nico, genau das tut gut von anderen zu hören.
    überhaupt schön geschrieben, ich les ja nich viel im internet, hier bin ich aber hängengeblieben
    liebe grüße

  6. Max sagt:

    Es kann nicht das Ziel der Bildung und des Studiums sein, als konturlose Arbeitskräfte hervorzugehen. Es kann nicht der Sinn sein, eine Schablone zu bedienen. Es darf nicht eine Lebensplanung geben, die sich statt an den Interessen, dem eigentlichen Willen der Person an vermeintlichen Anforderungen anderer orientiert.

    Kennst du jemanden, der von sich behauptet, eine konturlose Arbeitskraft, ein Rädchen im Getriebe werden zu wollen? Ich nicht.
    Du nimmst andere wahr, aber ich bin mir nicht sicher, ob deine Wahrnehmung zutreffend ist.
    Ich selbst habe in diesem Jahr Abitur gemacht, danach im Sommer einige Wochen gearbeitet und studiere seit Oktober (übrigens unweit von deinem baldigen Studienort, in Konstanz). Kein Zivi, keine Reise ins Ausland, kein Praktikum.
    Du wirfst am Ende die Frage auf, ob diese gesichtslose Masse zufrieden mit ihrem Leben ist oder nur glaubt, damit zufrieden zu sein.
    Ich bin nicht zufrieden mit meinem Leben. Ich will eine größere Wohnung; ich will eine Arbeit, die mich erfüllt und mich gleichzeitig finanziell absichert; ich will eine sichere Rente und eine Frau an meiner Seite, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will. Mit diesen Wünschen (die ich hier ad hoc, unabhängig von meiner persönlichen Situation und ohne Anspruch auf Vollständigkeit formuliert habe) bin ich nach meiner Wahrnehmung nicht alleine, im Gegenteil. Ist es nicht eine gewissermaßen logische Reaktion, dem Druck der Masse nachzugeben, um diese Ziele zu erreichen? Muss man es sich immer selbst schwer machen, indem man dem potenziellen Arbeitgeber auch seine schlechten Seiten präsentiert? Muss man alles ausleben, was man ausleben will?

    Ich denke, dein Ideal würde sehr bald verblassen, wenn die Triebhaftigkeit dieses Verhaltens überhand nimmt – denn genau das ist die Konsequenz, wenn man deine Frage radikal zu Ende denkt: Ich mache das, was ich machen will.

  7. Nico sagt:

    Hey Max, danke für deinen kritischen Kommentar. In einigen Aspekten wirst du sicherlich Recht haben, allein da dieser Artikel rein aus einer Stimmung, quasi im Affekt entstanden ist. Ein Pamphlet eben und keine argumentativ abwägende Analyse. Doch lass mich trotzdem einige deiner Punkte kommentieren:

    Kennst du jemanden, der von sich behauptet, eine konturlose Arbeitskraft, ein Rädchen im Getriebe werden zu wollen? Ich nicht.

    Sicherlich will niemand sich als “konturlose Arbeitskraft” sehen und erst recht keine sein. Das eine sind aber Selbsteinschätzung und Wille und das andere, ob man sich dann nicht doch dem Druck fügt. Ich denke, dass wirklich jeder tun sollte, was er denkt, dass es für ihn gut wäre. Das ist ein Unterschied zu allem, was man machen will. Da ist es völlig egal, ob man Zivi macht oder nicht, ob man reist oder nicht, solange man denkt, dass es richtig für einen ist. Es geht nicht darum alles auszuleben, was man ausleben will. Aber darum, auf die eigenen Wünsche und den eigenen Verstand zu hören und nicht auf andere, die meinen es besser zu wissen.

    Und in einer Sache muss ich dir ganz deutlich widersprechen: Ich denke nicht, dass dieses Ideal verblasst, nur weil viele Leute anfangen nach diesem zu handeln. Denn triebhaft sollte keine der Entscheidungen sein, das wäre fatal. Es gibt sehr wohl einen Mittelweg zwischen angepassten Normen und freiwütenden Trieben.
    Und um auf deine Wünsche zu sprechen zu kommen: Du hast Abitur. Ich denke nicht, dass wir uns auf dieser Bildungsebene wirklich diese existenziellen Sorgen haben sollten. Sie sind völlig übertrieben! Wirklich!

    An Grenzen stößt meine Haltung eher bei Leuten, die auf Grund ihres Bildungsabschlusses nicht so frei sind. Doch auch da zahlt es sich aus, in sich selbst und die eigenen Entscheidungen zu vertrauen.