Es stimmt schon bedenklich, wenn der Präsident einer Universität verlauten lässt, das Präsidium habe in Zukunft eigentlich nicht mehr vor, die Studenten an Entscheidungen partizipieren zu lassen. Zumindest nur noch nachfragebedingt. Man könnte nun annehmen, dass ein Student aus eigenster Natur ein hohes Interesse an der Mitbestimmung über das ihn selbst betreffende Studium hat – und damit eine hohe Nachfrage an Partizipation entsteht. Könnte man.

Schaute man während des vergangenen Development Days durch die Stuhlreihen, war klar, dass dem wohl offensichtlich nicht so ist. Trotz der für viele überraschenden 28-SWS-Regelung und dem damit verbundenen Aufschrei der Studentenschaft schienen nur wenige Studenten an diesem Nachmittag gewillt zu sein, ihre ohnehin schon kostbare Zeit mit konstruktivem Zukunftsdenken zu verbringen. Was letztendlich nichts weniger bedeutet als: Es ist noch ziemlich viel Luft bis zur wirklichen Schmerzgrenze.

Doch mit dem Partizipationswillen verhält es sich an diesem Tage ähnlich wie mit dem Studieren selbst: In Vorträgen, Workshops und Diskussionen – wo man nur hinhört, belästigt einen die Formulierung der intrinsischen Motivation und versprüht dabei den überzeugenden Charme probiotischer Bakterien. Man muss sie einfach haben, wofür dann auch immer. Es geht um eine Kultur des Studierens, einer Haltung der Studenten gegenüber dem Studium selbst. Doch vielleicht sollte man nach diesem Tage nicht nur das Ideal des Partizipationswillens, sondern auch den Antrieb des selbstgewählten Studiums und jegliches aufrichtiges Interesse an diesem überdenken oder gar verwerfen.

Denn auch wenn hier die Selbstblendung vieler Studenten erfolgreich und ungehemmt voranschreitet, sollte man sich irgendwann eingestehen, dass eher wenige hier sind, um wirklich zu forschen oder Themengebiete geistig zu ergründen. Sondern sie versuchen einfach nur, einen Abschluss für die mehr oder weniger anstehende Berufslaufbahn, sprich Karriere zu erhalten. Daneben wird die Zeit intensiv für Projekte oder eigene Unternehmungen genutzt, die der eigenen Präferenzordnung entsprechend gerade wichtiger erscheinen. Vielleicht sind wir letzten Endes auch deshalb speziell an die ZU nach Friedrichshafen gekommen, wo das Geld für studentische Projekte nur so aus schwäbischen Zahnradfirmen und Heißluftbewahrern herausströmt.
Wo man sich selbst auf diesem Feld der Interessenspole befindet, vermag ein jeder für sich selbst festzustellen. Zumindest ein aufrichtiger, nicht nur wahrhaftiger Versuch wäre jedoch wünschenswert, wenn nicht essentiell. Denn wie sonst sollte man von einer Universitätsleitung verlangen, offen, ehrlich und am beidseitigen Dialog interessiert über gegenseitige Erwartungen zu sprechen? Wie sonst kann man sich unter Studenten selbst die Meinung sagen, ernsthafte Kritik zwischen einander äußern? Wie soll ein wirklich notwendiges gemeinsames Verständnis aller Studenten, eine Haltung gegenüber des eigenen Handelns und der Universität funktionieren, wenn man sich bereits das eigene Spiegelbild lieber selbst zusammenpinselt?

Dennoch: Was wir aus der Dramatik der inzwischen allzu berüchtigten 28-SWS-Regelung lernen könnten, ist, dass die Freiheit der an Qualität in der Lehre interessierten Studenten nicht durch eine Anspruchshaltung anderer, die die Lehre und ihren Sinneskern eigentlich meiden, diese nur sporadisch auf dem Weg zum Abschluss streifen möchten, beschränkt werden darf. Denn dann wiederum reguliert uns das erwartungslose Präsidium auf Grund nicht oder nur ungenügend erfüllter Erwartungen zurecht – reichlich paradox und mitunter auch noch wahnsinnig schlecht, nicht nur hinsichtlich Aspekten der Kommunikation.

Wer das nicht will, passt sich entweder still den ungenannten Erwartungen an, indem er versucht, Veranstaltungsliteratur nicht nur zu lesen, auszudrucken und bunt einzufärben, sondern auch zu verstehen und zu reflektieren, oder er bemüht sich inständig, diese Erwartungshaltung mit all ihren Implikationen zu verändern. Bei all dem Widerstreben gegen besagte auferlegte Anpassungen, welches man zu Beginn des Semesters ausgiebig beobachten konnte, hätte man also einen immensen Änderungswillen und ein damit verbundenes Partizipationsstreben erwarten müssen. Quod erat demonstrandum – der Zirkelschluss vollendet die Ungereimtheit. Ein Widerspruch, der nicht wirklich ruhen lässt oder auch nur annähernd zufrieden stellt, sodass letztendlich ein Gedanke aufkommt, den man eigentlich schnell wieder verwerfen möchte, der dann aber doch für einige Zeit im Kopf hängen bleibt: Die allgemeine Teilnahme an einer breiten Partizipationskultur und das damit verbundene Engagement kann man nur schlecht im Lebenslauf vermerken oder sich auch nur irgendwie vom Prüfungsbüro in ECTS anrechnen lassen. Aus ihr folgt also keinerlei Deckungsbeitrag der Studiengebühren.

Am Ende kann man getrost die Partizipationsmöglichkeiten nach SystemOne oder lakebook verfrachten – es wird sie ohnehin niemand suchen oder gar vermissen.

» geschrieben als Leitartikel der letzten Semesterausgabe des Oszillograf

Wir ♥ Tatort.
vom 19.11.2010


Die versammelte Tatort-Runde in der Villa Bahl | Foto: Hannah Bahl

Abgelegt in: ,
AM 137 | Wonderwall
vom 20.08.2010

Abgelegt in: ,
Unten am See
vom 14.02.2010

Es ist Sonntag – ein Tag für Musik. Nach Äonen auch mal wieder was Selbstgemachtes. Frisch durchs Mikrofon gejagt und so. Heute: Eine kleine – naja, sagen wir – Hommage an meine Unistadt. Willkommen in Friedhofshafen!

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Abgelegt in: , ,

Abgelegt in: ,
Welcome to Tsetsebug!
vom 17.01.2010

Abgelegt in: , ,
Abgelegt in: ,

Der Berliner Dramatiker Lothar Trolle hat in der Inszenierung “Leuchte Berlin, leuchte!” für das Theater an der Parkaue die Motive und Figuren der Weihnachtsgeschichte ins heutige Berlin versetzt. Herausgekommen ist ein befreiender Gegenentwurf zum glühweinschwangeren Besinnlichkeits-Event.

Es ist Weihnachten in Berlin. Irgendwo im Osten über den Dächern der Stadt leuchtet etwas so groß wie ein Hochaus. Ein Stern? Ein Ufo? Etwa eine viel zu übertriebene Weihnachtsinstallation? Oder herrscht doch wieder Krieg? Die ganze Stadt ist auf den Beinen und strömt der Himmelserscheinung entgegen, um herauszufinden, was los ist in dieser Weihnachtsnacht. Mitten im Winter am 24. Dezember erblüht eine Rose in der Sophienstraße. Unbemerkt von der Menge kommt in der Stadt ein junges Paar mit einem Esel an. Ihr Weg führte über Flüsse, Meere und Autobahnen – immer entlang auf dem schmalen Pfad entlang dem Begrenzungsstreifen – Richtung Berlin und schließlich nach Lichtenberg. Sie suchen eine Bleibe, denn ein Kind ist unterwegs.

Und weiter?
Eine Inszenierung, die so wunderbar von dem triefenden Pathos der Adventszeit befreit. Mit ihrer Zusammenstellung aus Momenten, Typen und Akzenten spiegelt sie ein Gefühl nach Sehnsucht, der Suche nach Frieden und einem erfüllten Leben wieder, das untrennbar zu Weihnachten gehört. Und doch ganz ohne den so typischen Besinnlichkeitskitsch. Die Handlungen des Stücks strahlen in alle Richtungen wie fliehendes Licht. Einem selber bleibt nichts anderes übrig, als hinter dem ständigen Wechsel von Ort und Zeit des Geschehens hinterher zu rennen. Und eins ist klar: Lothar Trolle will provozieren, stößt an. Keinen gemütlichen Weihnachtsabend erhält man von ihm. Stattdessen sprühen Ernstes und Absurdes aus den Sprechakten der sieben Schauspieler wie aus einer Wunderkerze. Jede Szene ist dabei so vergänglich wie ein Funke und leuchtet dennoch so hell.

Alles in allem?
Geht rein! Ein Stück voller Energie und mit eindrucksvollen Schauspielern, die sprachlich wie körperlich an die Grenzen gehen und dabei überzeugen. Ein tolles Bühnenbild mit einem Container aus Spiegelwänden – womit auch klar wird: Es wird keine beliebige Geschichte erzählt. Es geht um uns, es geht um die Leute, um das Publikum selber. Und vor allem ein wirklich guter Gegenpunkt zum glatten, schnöden Konsumideal: Hier ist es eine Nutte, die die Botschaft der Liebe verkündet. In diesem Sinne: Gehet alle hin, sofern ihr über 16 seid!

THEATER AN DER PARKAUE – Junges Staatstheater Berlin
nächste Vorstellungen: 21. + 22.12. | (030) 55 77 52 53 | www.parkaue.de

Abgelegt in: , ,

Es ist soweit. Ich ziehe wieder fort aus Berlin. Und nun steht auch fest wann:
Am 01. Januar 2010, ab 10 Uhr geht es sudwärts. Herrlich, bekloppt und sicher etwas gaga, aber bestimmt auch impressiv. Damit ihr alle Bescheid wisst – und dadurch der ganze Rest der Welt auch – hier einige Details.

Location, location, location.
Karlstraße 47, 88045 Friedrichshafen. Das kann ja eh jeder im Impressum lesen.
Es ist der rote Punkt mit dem A auf der Karte. Direkt an der Seepromenade.

Die ganze große Sippe der Mitbewohnerschaft.
Es ist eine 6er-WG und alle machen etwas anderes mit ihrem Leben: ich und der liebe Arthur studieren an der ZU, ich Kultur- und er Politikzeugs; 2 der Mitbewohner studieren an der Berfusakademie Ravensburg, Elektrotechnik und Ingenieurswesen; dann gibt es noch zwei Mitbewohner in der Ausbildung, Logopädin und Erzieherin. Insgesamt sind wir total fair besetzt: 3 Jungs, 3 Mädels.

Meine heiligen Hallen.
Die kenn ich selber bisher nur aus Sagen, Erzählungen und von Fotos. Mein Zimmer hat die Nummer 5 auf diesem tollen Grundriss.

Viele bunte Sachen, die mir noch fehlen.
Bei so einem Umzug fängt man ja auch an loszudenken, was man nicht alles brauchen würde. Und was man nicht alles haben möcht. Hier eine kleine Auswahl der absolut unverzichtbaren Wunderwünsche:

  • den Türwächter LUNS, um Post und Schüssel eine Heimat zu geben und schnelle Nachrichten kritzeln zu können.
  • Red Cups! Wofür ist eh klar, da stören auch die Herzen nicht.
  • eine Standuhr – wobei, vielleicht auch nicht.
  • die Notiztafel KLUDD, um meine ToDo-Listen viel schöner zu visualisieren.

Vorbeischauen.
Besuchen dürft ihr mich immer und überhaupt. Ich hab ein 1,60m-Bett, dass ich bereit bin zu teilen und auch sonst findet man Wege oder Bodenplätze. Wäre wunderbar!

Abgelegt in: ,

Ich bin es leid. Ständig zu hören, dass man sich orientieren müsse. Dass man überlegen müsse, wie alles so weitergehen soll. Wegen der Zukunft, vor allem der eigenen. Man müsse das richtige studieren, zur rechten Zeit, um später einen Beruf zu ergattern. Man müsse planen. Man könne nicht einfach nicht planen. Ich müsse vernünftig sein. Ein Pamphlet.

Zurück in den Frühling 2008. Nach mehr als einer Dekade in der Schulzeit war ich endlich dort angekommen, wo ich ankommen sollte: beim Abitur. Mittendrin. Die Zeit, in der man all die schulische Bildungsarbeit (ja, lassen wir es uns einfach mal Arbeit nennen) seines Lebens veredeln, ja quasi mit Gold überziehen sollte. Zuvor, vor allem in den letzten beiden Jahren wurde monatlich, wenn nicht sogar wöchentlich ein Schauerbild in unsere Köpfe gemeißelt: “Rechnet euch doch mal aus, wie viele alte Rentner ihr später mit eurem Job mitfinanzieren müsst. Und dann auch noch eure Familie. Mindesten 2,7 Kinder müsst ihr auch kriegen und versorgen, damit die Zukunft besser wird.” Da ist ja was dran. Vielmehr: Es stimmt. ABER: Ich will das nicht mehr hören! Es mag ja sein, dass meine Generation all das retten muss, sich diese Last auf die Schultern legen lassen muss. Doch gerade weil ich es schaffen soll, kann ich dieses Gerede nicht mehr hören ohne dadurch an Zuversicht zu verlieren. Ich habe selber nicht viele Schülergenerationen miterlebt. Genau genommen nur eine, meine. Doch glaube ich nicht, dass es vor einigen Jahren üblich war mit 16 Jahren sich unsicher und voller Zweifel den Kopf über die eigene Zukunft zu zerbrechen. Das sollte nicht sein. Und das ist auch völliger Mist.

Ich habe dann nicht sofort mit dem Studieren begonnen. Ja, tragisch – ich weiß. Aber ich hatte eine Begründung Ausrede: Der Staat verpflichtete mich. In Wirklichkeit freute ich mich natürlich Zivi zu werden, hatte ich ja eh vor ein Jahr mich etwas anderem zu widmen. Nicht, weil ich raus aus der Bildungswelt wollte, sondern weil ich daran glaubte, dass so etwas die eigene Persönlichkeit prägt. Das hat es, das weiß ich.

Mein Zivildienst war im Frühling 2009 zu Ende. Mit dem Plan im Oktober mit dem Studium anzufangen zog ich noch einmal raus in die weite Welt: Ich durchquerte Südafrika und die Vereinigten Staaten. Nicht weil sich solch Auslandsaufenthalte im Lebenslauf gut machen könnten, sondern weil ich für mich diese Erfahrungen erleben wollte. Dann ergab sich die Zusage der Zeppelin Universität aus Friedrichshafen. Und damit die Frage, ob ich bereit bin mich für meine eigene Bildung hoch zu verschulden. Für einen Abschluss, zu dem mir auch hier in Berlin, Mannheim oder Hannover der Weg offen stand, und dies sicher nicht schlechter. Bachelor of Arts.
Und trotzdem habe ich mich entschieden ab Januar (ja, erst ab Januar – eine weitere lustige Wendung in der Geschichte, die mir dann allerdings ein wunderbares Praktikum am Theater ermöglichte, was ich weiterhin nicht bereue – wegen Persönlichkeit, ihr wisst schon)… ab Januar also den Schuldenberg entstehen zu lassen. Nicht des Studieren wegens. Nicht für einen Abschluss. Allein wegen der Art und Weise, der Atmosphäre und des Umfelds – all das genauer zu vermitteln, das geht hier gar nicht – kurzum, ihr ahnt es schon: Für mich und meine persönliche Entwicklung und Entfaltung. Und das ist es mir wert. Immer wieder.

Auf rund 530 Wörter zusammengestaucht habe ich euch einen kleinen Abriss meiner Entscheidungen zwischen Abitur und jetzt und einen noch kleineren Schatten meiner Beweggründe präsentiert. Der mündige Leser fragt sich: Nur warum?

Zuallererst natürlich ganz egozentrisch um meinen ganzen Gram und Unmut loszuwerden. Mit dem Wissen, dass dies hier eh nahezu niemand lesen wird, und trotzdem auch in der Hoffnung – sonst hätt ich’s ja doch gelassen. Aber vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass einiges schief läuft mit dem Lebensbild meiner Generation.
Es kann nicht das Ziel der Bildung und des Studiums sein, als konturlose Arbeitskräfte hervorzugehen. Es kann nicht der Sinn sein, eine Schablone zu bedienen. Es darf nicht eine Lebensplanung geben, die sich statt an den Interessen, dem eigentlichen Willen der Person an vermeintlichen Anforderungen anderer orientiert. Mir wird gesagt, meine Entscheidung sei “ja schon ein ganz schönes Risiko”. Für ein Leben ohne Risiko, also in Sicherheit; für ein Leben nach Plan braucht es sowas wie Persönlichkeit sicher nicht. Doch was sonst unterscheidet uns denn von all den anderen? Sind es nicht unsere Ecken und Kanten, unsere Macken, unsere Ideale und verschrobenen Eigenschaften. Sind sie es nicht, die eigentlich auch die Wirtschaft sucht – ganz klar natürlich auf Grundlage eines erfolgreichen Studiums. Aber das alleine reicht doch auch den Personalern nicht aus. Wir sollten die Zukunftsängste in Ruhe betrachten und dann einfach mal erkennen, dass wir, die nach dem Abitur über das weitere Leben nachdenken, nun wirklich nicht die sind, die verzweifeln müssen.

Es geht mir auch nicht darum zu urteilen, zu bewerten. Was richtig und was falsch ist. Das kann ich gar nicht. Das könnt auch ihr nicht. Denn um richtig – sollte es das überhaupt geben – geht es ja im Leben auch gar nicht oder sollte es meiner Meinung nach nicht gehen. Wirklich nicht. Es geht darum, dass ihr tun solltet, wovon ihr glaubt, dass es euch gut tut. Dass es euch selber hilft. Nicht bei zukünftigen Bewerbungen. Euch persönlich. Eurem Wesen. Euch selber. Danach solltet ihr entscheiden – wider all den Zweiflern, aber auch nicht ohne Kopf. Natürlich kann der weitere Lebensweg nicht ohne Verstand entschieden werden. Träumerisch die Zeit verziehen lassen bringt ja auch nichts. Vielmehr wäre es schön, auf sich selber zu achten und zu fragen:

Will ich so leben oder denk ich nur, dass es richtig wäre?

weiter geht's immer