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Ein Monat lang lebe ich nun in Kanada – zumindest nach meiner Zeitrechnung. Der erste Uniblock ist rum, der Kurs “Comparative Political Institutions” abgeschlossen. Für den Block Break ging es für die drei vergangenen Tage nach Vancouver die Stadt anschauen mittels Couchsurfing.

Wie das Foto zeigt, war der vergangene Monat vor allem eins: kalt, aber wunderschön. Die ersten Wochen in der Fremde brauchen immer etwas Zeit: die neue Kultur kennenlernen, die ersten Kulturschocks erleben und überwinden, neue Leute kennenlernen und überhaupt das ganze System hier verstehen. Das hat dann aber in den ersten drei bis vier Wochen hier in Kanada letztendlich ganz gut geklappt. Der Kurs “Comparative Political Institutions” war einfach absolut gut, weshalb ich den Tutor auch gleich der ZU (Zeppelin Universität) als (zumindest Gast-)Dozenten vorschlagen werde. Die Zeit außerhalb des Seminars verbrachte ich damit die Umgebung zu erkunden (was allein schon ewig dauern kann, da die Landschaft hier einfach atemberaubend ist), gemeinsam mit anderen “social films” anzusehen, in Bars zu gehen, Musik mit meinen Mitbewohnern zu zaubern, einen Essay für die ZU noch zu schreiben, Geburtstag zu feiern, zu kochen, dem Basketballteam der QUEST mit zuzujubeln, gemeinsam zu kochen und und und.

Vom letzten Freitag bis gestern (Sonntag) war ich für den Block Break in Vancouver, um einfach mal die Stadt zu erkunden. Statt in einem Hostel unterzukommen, habe ich das Geld gespart und über couchsurfing.org ein absolut liebenswertes Paar (Hali und Emmett) gefunden, bei denen ich für zwei Nächte unterkommen konnte und die mich herumgeführt und die Leckerbissen der Stadt gezeigt haben: Stanley Park, Vancouver Art Gallery, The Eatery, Lynn Valley, Lions Gate Bridge, Gastown, Chinatown, ein Hockey Game, the social bar und vieles mehr. Vancouver ist dabei tatsächlich eine Stadt, die mir persönlich sehr gefällt von ihrem Flair, den Menschen (die zwar meist etwas abgekapselt und harsch sein können, aber ich komme schließlich aus Berlin) und der Landschaft. Nur klimatisch könnte es etwas weiter südlich liegen, auch wenn es die wärmste Stadt Kanadas ist. Es waren jedenfalls absolut wundervolle Tage und es ist immer wieder unglaublich zu erleben, wie herzlich einen fremde Menschen aufnehmen können – sie haben mich zudem gebeten wiederzukommen und dann auch wieder bei ihnen unterzukommen.

Heute ging es dann gleich schon weiter mit dem Kurs “Arts for Social Change”. Der heutige Tag lässt mich auch schon mit voller Vorfreude auf diesen Kurs blicken – das wird, so wie es aussieht, auch wieder ein wunderbar lehrreicher Kurs voller Erfahrungen und Verrücktheiten. So muss gute Lehre sein. Und wenn es dann auch noch notenmäßig so gut läuft wie im ersten Block kann ich mich bereits ganz entspannt zurücklehnen und in Richtung Bachelor-Thesis denken. Den Block im März werde ich wahrscheinlich pausieren, um ein wenig mehr noch die Gegend zu erkunden – aber dazu ein anderes Mal mehr.

Das Leben hier in Kanada meint es also weiterhin gut mit mir. Es gibt natürlich immer wieder kleinere und größere Hürden zu überwinden und Schwierigkeiten zu meistern, aber was würde man sonst später an Lagerfeuerabenden erzählen können. Also einfach immer dran denken: Life is a quest, but please stop asking for a map.

Being apart. Oh, Canada!
vom 12.01.2012 | 04:19

Sometimes in life you have to be apart. Nun bin ich hier, angekommen in der Kälte – rein klimatechnisch. Die kommenden vier Monate werde ich hier an der Quest University etwa eine Stunde nördlich von Vancouver studieren. Umgeben von schneebedeckten Bergen, Wäldern und sonst eher wenig, streben hier um die 370 Studenten nach Wissen. Das alles ist zunächst recht spannend, da doch anders als zuhause in Deutschland: Studiert wird im Blocksystem – soll heißen – ein Kurs, einen Monat lang, jeden Tag drei Stunden. Das hat so seine Vor- und Nachteile. Genau wie das auf-dem-Campus-leben. Ich bin in einer WG in einem der drei Wohnheime untergekommen. Zusammen mit drei Mitbewohnern beherberge ich eine der begehrteren Wohnungen, eine mit einer richtigen Küche und nicht nur einer Mikrowelle. Und dann sagte man mir, wir hätten von hier aus dem Fenster auch den besten Ausblick auf dem Campus. Er ist schon sehr beeindruckend, wobei mir das Wasser des Bodensees als Symbol des rituellen Blickeschweifens schon jetzt fehlt. Genauso wie anständiges Brot, eine etwas kritischere Haltung gegenüber der eigenen Uni und die ach so vielen vertrauten Gesichter, die ich am Strand der guten Hoffnung zurücklassen musste. Hier starren mich täglich fremde Gesichter an, schleudern mir sich neu zu merkende Namen an den Kopf und sind dabei auch noch so verdammt freundlich. Das ist mir bisher alles sehr suspekt, aber auch überaus angenehm. And to clear this up: I’m alive, surrounded by mountains and lovely people, confident to see what’s coming up.

Studienkultur kann man nicht kaufen.
vom 04.12.2010 | 20:54

Es stimmt schon bedenklich, wenn der Präsident einer Universität verlauten lässt, das Präsidium habe in Zukunft eigentlich nicht mehr vor, die Studenten an Entscheidungen partizipieren zu lassen. Zumindest nur noch nachfragebedingt. Man könnte nun annehmen, dass ein Student aus eigenster Natur ein hohes Interesse an der Mitbestimmung über das ihn selbst betreffende Studium hat – und damit eine hohe Nachfrage an Partizipation entsteht. Könnte man.

Schaute man während des vergangenen Development Days durch die Stuhlreihen, war klar, dass dem wohl offensichtlich nicht so ist. Trotz der für viele überraschenden 28-SWS-Regelung und dem damit verbundenen Aufschrei der Studentenschaft schienen nur wenige Studenten an diesem Nachmittag gewillt zu sein, ihre ohnehin schon kostbare Zeit mit konstruktivem Zukunftsdenken zu verbringen. Was letztendlich nichts weniger bedeutet als: Es ist noch ziemlich viel Luft bis zur wirklichen Schmerzgrenze.

Doch mit dem Partizipationswillen verhält es sich an diesem Tage ähnlich wie mit dem Studieren selbst: In Vorträgen, Workshops und Diskussionen – wo man nur hinhört, belästigt einen die Formulierung der intrinsischen Motivation und versprüht dabei den überzeugenden Charme probiotischer Bakterien. Man muss sie einfach haben, wofür dann auch immer. Es geht um eine Kultur des Studierens, einer Haltung der Studenten gegenüber dem Studium selbst. Doch vielleicht sollte man nach diesem Tage nicht nur das Ideal des Partizipationswillens, sondern auch den Antrieb des selbstgewählten Studiums und jegliches aufrichtiges Interesse an diesem überdenken oder gar verwerfen.

Denn auch wenn hier die Selbstblendung vieler Studenten erfolgreich und ungehemmt voranschreitet, sollte man sich irgendwann eingestehen, dass eher wenige hier sind, um wirklich zu forschen oder Themengebiete geistig zu ergründen. Sondern sie versuchen einfach nur, einen Abschluss für die mehr oder weniger anstehende Berufslaufbahn, sprich Karriere zu erhalten. Daneben wird die Zeit intensiv für Projekte oder eigene Unternehmungen genutzt, die der eigenen Präferenzordnung entsprechend gerade wichtiger erscheinen. Vielleicht sind wir letzten Endes auch deshalb speziell an die ZU nach Friedrichshafen gekommen, wo das Geld für studentische Projekte nur so aus schwäbischen Zahnradfirmen und Heißluftbewahrern herausströmt.
Wo man sich selbst auf diesem Feld der Interessenspole befindet, vermag ein jeder für sich selbst festzustellen. Zumindest ein aufrichtiger, nicht nur wahrhaftiger Versuch wäre jedoch wünschenswert, wenn nicht essentiell. Denn wie sonst sollte man von einer Universitätsleitung verlangen, offen, ehrlich und am beidseitigen Dialog interessiert über gegenseitige Erwartungen zu sprechen? Wie sonst kann man sich unter Studenten selbst die Meinung sagen, ernsthafte Kritik zwischen einander äußern? Wie soll ein wirklich notwendiges gemeinsames Verständnis aller Studenten, eine Haltung gegenüber des eigenen Handelns und der Universität funktionieren, wenn man sich bereits das eigene Spiegelbild lieber selbst zusammenpinselt?

Dennoch: Was wir aus der Dramatik der inzwischen allzu berüchtigten 28-SWS-Regelung lernen könnten, ist, dass die Freiheit der an Qualität in der Lehre interessierten Studenten nicht durch eine Anspruchshaltung anderer, die die Lehre und ihren Sinneskern eigentlich meiden, diese nur sporadisch auf dem Weg zum Abschluss streifen möchten, beschränkt werden darf. Denn dann wiederum reguliert uns das erwartungslose Präsidium auf Grund nicht oder nur ungenügend erfüllter Erwartungen zurecht – reichlich paradox und mitunter auch noch wahnsinnig schlecht, nicht nur hinsichtlich Aspekten der Kommunikation.

Wer das nicht will, passt sich entweder still den ungenannten Erwartungen an, indem er versucht, Veranstaltungsliteratur nicht nur zu lesen, auszudrucken und bunt einzufärben, sondern auch zu verstehen und zu reflektieren, oder er bemüht sich inständig, diese Erwartungshaltung mit all ihren Implikationen zu verändern. Bei all dem Widerstreben gegen besagte auferlegte Anpassungen, welches man zu Beginn des Semesters ausgiebig beobachten konnte, hätte man also einen immensen Änderungswillen und ein damit verbundenes Partizipationsstreben erwarten müssen. Quod erat demonstrandum – der Zirkelschluss vollendet die Ungereimtheit. Ein Widerspruch, der nicht wirklich ruhen lässt oder auch nur annähernd zufrieden stellt, sodass letztendlich ein Gedanke aufkommt, den man eigentlich schnell wieder verwerfen möchte, der dann aber doch für einige Zeit im Kopf hängen bleibt: Die allgemeine Teilnahme an einer breiten Partizipationskultur und das damit verbundene Engagement kann man nur schlecht im Lebenslauf vermerken oder sich auch nur irgendwie vom Prüfungsbüro in ECTS anrechnen lassen. Aus ihr folgt also keinerlei Deckungsbeitrag der Studiengebühren.

Am Ende kann man getrost die Partizipationsmöglichkeiten nach SystemOne oder lakebook verfrachten – es wird sie ohnehin niemand suchen oder gar vermissen.

» geschrieben als Leitartikel der letzten Semesterausgabe des Oszillograf

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